Wilhelm Peters (1815 - 1883)

Wilhelm Carl Hartwig Peters wurde am 22. April 1815 in Koldenbüttel, einem kleinen zwischen Heide und Husum gelegenen Ort im westlichen Schleswig, als Sohn des Pastors Hart­wig Peters und dessen Frau Paulina (geb. Boeckmann) geboren. 1825 zog die Familie nach Flensburg an die dänische Grenze. Hier besuchte er das örtliche Gymnasium.

Im  Herbst 1834 begann Wilhelm Peters an der Universität von Kopenhagen Anatomie und bei Johan Christopher Hagemann Reinhardt (1776-1845), dem Vater des bekannten dänischen Herpetologen Johannes Theodor Rein­hardt (1816-1882), allgemeine Zoologie zu studieren. Schon nach sechs Monaten wechselte er jedoch an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Ber­­lin, welche bis zu seinem Lebensende seine akademische Heimat wur­­­de. Hier studierte er Medizin und Na­tur­wissenschaften. Zu seinen Lehrern gehörten der bekannte Anatom Johannes Müller (1801-1858), der Mi­krobiologe Christian Gottfried Ehrenberg (1795-1876) und der Herpetologe Arend Fried­rich August Wiegmann (1802-1841). Im Dezember 1838 erlangte Peters seinen Doktorgrad mit der Inauguraldissertation „Observationes ad Anatomiam Chelo­ni­orum. Pars I. Descriptio Osteologica Hydromedusae Maximiliani. Pars II. De Signi­ficatione Ossium Thoracem Cheloniorum Formantium“.

Für 18 Monate ging Peters anschließend in den Mittelmeerraum, um dort gemeinsam mit Henri Milne‑Edwards (1800-1885) Invertebraten zu bearbeiten. 1840, nach Berlin zurückgekehrt, wurde er Assistent seines ehemaligen Professors Johannes Müller am Anatomischen Museum.

In der Tradition vieler großer Naturforscher jener Zeit begann Peters jetzt eine große Forschungsreise zu planen. Diese sollte ihn ins südöstliche Afrika, vor allem nach Mosambik, führen. Ermutigt durch namhafte Mitglieder der Naturhistorischen Gesellschaft in Berlin, einschließlich Alexander von Humboldt (1769-1859), Ehrenberg und Müller, begann er mit den Vorbereitungen. 1842 wurde er Mitglied der „Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin“, und im September dieses Jahres reiste er über die Niederlande und England nach Lissabon. Weihnachten 1842 fuhr Peters von Lissabon auf einem portugiesischen Sträflingsschiff zunächst nach Angola, wo er am 16. März 1843 ankam. Nach fünf Wochen ging es weiter, und am 17. Juni 1843 erreichte er Mosambik. Dort erforschte er die gesamte Küstenregion, und er verbrachte fast ein Jahr am Sambesi-Fluss im Landesinneren. Jeweils mehrmonatige Exkursionen führten ihn auch nach Sansibar und Madagaskar, auf die Komoren sowie nach Kapstadt, vorwiegend um sich von immer wiederkehrenden Krankheiten zu erholen. Am 7. August 1847 verließ Peters Mosambik endgültig und kehrte über Indien, Sri Lanka und Ägypten nach Europa zurück. Anfang 1848 traf er wieder in Berlin ein. Diese fünfjährige Reise war gewiss das einschneidendste Ereignis im Leben von Wilhelm Peters.

Enorm waren die wissenschaftlichen Aufsammlungen, die während der Expedition zusammenkamen. Neben den verschiedensten Tiergruppen sammelte Peters auch botanische und ethnographische Objekte. In zwölf Sendungen mit insgesamt 51 Kisten schickte er sie nach Berlin. Das zoologische Material bearbeitete er in den folgenden Jahren überwiegend selbst. Hier ist besonders sein auf fünf Bände angelegtes, im Quartformat (Viertelbogengröße) erschienenes Hauptwerk „Naturwissenschaftliche Reise nach Mossambique auf Befehl seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelm IV. In den Jahren 1842 bis 1848 ausgeführt von Wilhelm C. H. Peters“ zu nennen. Der erste Band („Säugethiere“) erschien 1852, der "fünfte" Band ("Insekten und Myriopoden") 1862, der "vierte" Band („Flussfische“) 1868 und der "dritte" Band („Amphibien“) 1882. Warum es nicht zu dem "zweiten" Band über die Vögel kam, von dem 1883 lediglich die Bildtafeln veröffentlicht wurden, ist nicht völlig klar, denn er war offenbar zumindest angedacht. Interessierte Peters diese Tiergruppe nicht besonders, oder geschah es aus Verärgerung über das Vorgehen des damaligen Berliner Museumsdirektors Martin Hinrich Lichtenstein (1780-1857), der schon vor seiner Rückkehr einen Teil des Materials als „Doubletten“ veräußert hatte?

Wieder in Berlin wurde Peters erneut unter Johannes Müller Assistent am anatomischen Institut der Universität und 1848 Dozent. In dieser Zeit widmete er sich wohl vor allem der Aufarbeitung seiner Expeditionsausbeute. Da sich diese überwiegend im Zoologischen Museum befand, bekam er Kontakt zum Direktors des Zoologischen Museums der Universität,  Martin Hinrich Lichtenstein. 1851 wurde Peters Mitglied der „Preußischen Akademie der Wissenschaften“ und 1853 außerordentlicher Professor der medizinischen Fakultät. Im Jahre 1856 wurde er Assistent Lichtensteins, und im Jahr darauf, nach dessen Tod, sein Nachfolger. Mit dem Direktorenamt am Museum war auch die Leitung des Berliner Zoos verbunden. Wegen zu großer Belastung gab er diese Aufgabe jedoch 1869 ab. Als Direktor des Museums war Peters auch Kustos der Wirbeltiersammlungen, mit Ausnahme der Vögel. Der Ausbau der Sammlungen lag ihm sehr am Herzen, und so entwickelte sich das Haus unter seiner Leitung zu einem der weltweit größten zoologischen Museen. Die ihm besonders wichtige herpeto­logische Sammlung verdreifachte sich während seiner Amtszeit von etwa 3.500 auf 10.500 Katalognummern (in Berlin werden Serien und nicht Einzelexemplare inventarisiert), was in dieser Zeit nur von den Sammlungen in Paris und London übertroffen wurde.

Im Jahre 1858 heiratete Wilhelm Peters Henriette von Köhler. Die beiden bekamen sechs Kinder. Im gleichen Jahr wurde er Professor für Zoologie, und er war ein ebenso kompetenter wie unenthusiastischer Lehrer zugleich; sein einziges Interesse galt dem Museum.

Seit 1875 war Peters in die Planungen für den Neubau des Berliner Naturkundemuseums in der Invalidenstraße involviert, doch sollte er dessen Aufbau und die Einweihung 1889 nicht mehr erleben. Seit 1870 litt er zeitweilig an Beschwerden, die wohl eine Folge des tropischen Fiebers waren, mit dem er sich in Afrika infiziert hatte. Am 20. April 1883, zwei Tage vor seinem 68. Geburtstag, starb er vermutlich daran.

Dem Darwinismus, der großen naturwissenschaftlichen Herausforderung seiner Zeit, stand Peters offensichtlich skeptisch gegenüber, ohne es allerdings auszusprechen. Sein größter Beitrag an der Universität war, in der Tradition seines Lehrers Johannes Müller, die Synthese von Anatomie und Zoologie.

Peters veröffentlichte zwischen 1838 und 1883 nahezu 400 Titel, von denen sich mehr als 200 teilweise oder ganz den „Amphibien“ widmeten – er war einer der letzten Herpetologen, der damit die Amphibien und Reptilien meinte. Daneben beschäftigte er sich in seinen Publikationen oft mit Säugetieren (besonders Ohrenrobben und Fledermäuse interessierten ihn; er beschrieb 21 Gattungen und 97 Arten von Fledermäusen) und Fischen (er beschrieb 235 neue Arten), darüber hinaus aber auch mit verschiedenen Wirbellosen-Gruppen, ja sogar mit Geografie, Ozeanografie und Ethnologie.

In seinen herpetologischen Arbeiten – neben vier Monografien sind die meisten relativ kurz – befasste sich Peters mit fast allen Amphibien- und Reptilienfamilien der Welt (vgl. Übersicht bei Bauer et al. 1995). Groß ist die Zahl der von ihm benannten Gattungen, Arten und Unterarten. Er beschrieb 125 Gattungen und Untergattungen, von denen 45 % noch heute valide sind, darunter Namen wie ChiromantisCyclodermaApha­niotisCophotisTympanocryptisChondrodactylusPhyllopezus, RhoptropusTro­pio­colotesPholidobolusIchnotropisScincopusCricosauraXenosaurusAgamodonLytorhynchusAspiditesTrachyboa und Bothriechis. Von den etwa 650 auf Peters zurückgehenden Art- und Unterartnamen sind heute etwa 65 % valide, darunter so bekannte Namen wie Bolitoglossa adspersaAmeerega maculataAgalychnis asperaBreviceps adspersusXenopus muelleriAgama planicepsCophotis ceylanicaParoedura pictaTropiocolotes steudneriPhelsuma qua­drio­cellataEremias argusIchnotropis squamulosaGallotia atlanticaTakydromus amurensisEumeces algeriensisTrachylepis variaScincopus fasciatusVaranus salva­doriiCricosaura typicaBoiga angulataHierophis spinalisPsammophis sub­tae­niatusRhabdophis lineatusMicrurus laticollarisNaja mossambicaLeiopython albertisiiTyphlops elegans und Proatheris superciliaris. Für den überwiegenden Teil der Namen ist Wilhelm Peters alleiniger Autor, einen Teil publizierte er aber auch in Koautorenschaft mit anderen Forschern, vor allem mit dem italienischen Herpetologen Giacomo Doria (1840-1913) aus Genua.

Wilhelm Peters war bis zu seinem Lebensende aktiv. Im Jahr vor seinem Tode veröffentlichte er den „Amphibien“-Band seines Lebenswerkes „Reise nach Mos­sambique“, und selbst in seinem Todesjahr 1883 erschienen noch drei Arbeiten. In seiner unermüdlichen Schaffenskraft war er sicher einer der führenden deutschen und europäischen Herpetologen des 19. Jahrhunderts.

Verwendete Schriften
Adler, K. (1989): Contributions to the History of Herpetology. – Ithaca, N.Y. (SSAR), 202 pp.
Bauer, A., R. Günther & M. Klipfel (1995): Introduction, Annotated Bibliography, and Synopsis of Taxa. S. 1-87. – In: The Herpetological Contributions of Wilhelm C.H. Peters (1815-1883). – Faksimile Reprints in Herpetology, ed. by K. Adler & T.D. Perry, Ithaca, New York.
Gebhardt, L. (1970): Die Ornithologen Mitteleuropas, Band 2. – J. Ornithol., Berlin, Bd. 111 (Sonderheft), 233 S.
Obst, F.J., K. Richter & U. Jacob (1984): Lexikon der Terraristik und Herpetologie. – Edition Leipzig, 466 S.

Autoren
Wolfgang Bischoff & Gerhard Hallmann